Ein Künstler verkauft restaurierte Fahrräder und macht daraus ein Business
Innovative Arbeitgeber im Fokus

Ein Künstler verkauft restaurierte Fahrräder und macht daraus ein Business

Christopher Lewis war als Kunstmaler und Medienkünstler tätig, bevor er die Fahrradmarke Samstag Rad gründete. Zuletzt suchte er einen Mitunternehmer.

Christopher Lewis war als Kunstmaler und Medienkünstler tätig, bevor er die Fahrradmarke Samstag Rad gründete. Zuletzt suchte er einen Mitunternehmer.

26.08.2015 - Bilder: SmstagRad

JOBVERDE.de: Herr Lewis, Sie sind Künstler, verkaufen aber auch Fahrräder. Wie passt das zusammen?

CHRISTOPHER LEWIS: Das passt eigentlich nicht zusammen, aber das macht es ja erst spannend. Ich war lange als Kunstmaler und Medienkünstler tätig. Da ist man vom Hype des Marktes bzw. von den Leuten, die ihn machen, abhängig. Vor ein paar Jahren entsprach es dann nicht mehr meiner Vorstellung von Kunst, dass Bilder nach ihrer Fertigstellung unantastbar und unbeweglich an der Wand hängen. Also hörte ich auf zu malen. Mein Anspruch war, etwas herzustellen, das Menschen gebrauchen können. Im Sinne einer zukunftsfähigen Welt und quasi als Gegenentwurf zur Wegwerfmentalität. Ich fragte mich damals, was so viele Leute dazu bringt, ihre Fahrräder als Schrott in die Straßen zu stellen oder in Kellern verrosten zu lassen. Es ist mangelnde Wertschätzung. Die meisten dieser Schrotträder stammen vom Discounter, es sind aber auch seltene Qualitätsmarken darunter, denen man die Tradition und Handarbeit noch ansieht. Diese sammle ich und fertige daraus fernab vom Fahrradmarkt Unikate für einen selbst kreierten Nischenmarkt. Für manche Kunden sind diese Einzelstücke so besonders, dass sie sie an die Wand hängen. Sie benutzen sie aber auch.   

Ihre Fahrradmarke nennt sich „Samstag Rad“. Was ist das Besondere an Ihren Rädern und dem Unternehmen?

Samstag Rad zeichnet sich durch ein hohes Maß Experimentierfreudigkeit und ein Minimum an klassischen unternehmerischen Strukturen aus. Unsere Strategie ist, dass wir keine haben. Die meisten Entscheidungen treffen wir aus dem Bauch heraus. Für uns wäre es beispielsweise kontraproduktiv, eine Zielgruppe zu definieren und daraus das Marketingkonzept abzuleiten. Die Menschen, die ein Fahrrad von uns wollen, sind sehr unterschiedliche Individualisten mit hohen Ansprüchen. Sie überraschen uns immer wieder, worauf wir uns täglich neu einstellen. Mache von ihnen schätzen unsere Herangehensweise, wertloses Material wieder in brauchbares Kulturgut zu verwandeln. Für andere steht das Stilvolle, die Ästhetik und die Eleganz oder aber die Einzigartigkeit im Vordergrund. Der Bau jedes Fahrrades ist ein sensibler Prozess, bei dem die Persönlichkeit des Kunden mit einfließt. In Worte lässt sich das nur schwer fassen. Aber die Fahrer eines Samstag Rades wissen, was gemeint ist.

Vor ein paar Monaten haben Sie einen Mitunternehmer über JOBVERDE gesucht und auch gefunden. Sie hatten die Anzeige damals nicht textlich geschaltet sondern bildlich, also im Video-Format. Warum per Video und wie kam diese Variante bei den Bewerbern an?

Sowohl Anzeigen als auch Bewerbungen in Textform haben für mich etwas Spießiges und sagen wenig über das Wesen der Menschen aus. Stattdessen will sich jeder nur bestmöglich verkaufen. Ich wollte bei meiner Suche keine dieser angepassten Anschreiben und perfekte Lebensläufe von Bewerbern lesen müssen, die bereits im Vorfeld Anerkennung für sich produzieren. Ich hatte ein Problem, meine Lust auf die Suche schwand. Zum Glück sprach ich damals mit jemandem aus der Gründerszene, wobei die Idee für das „beidseitige“ Video-Format aufkam: Die Bewerber hatten sich, ebenso wie ich, per Video vorzustellen. Die Messlatte war damit recht hoch gelegt. Dafür konnte ich sicher sein, dass sich nur motivierte Leute, die tatsächlich für die Idee von Samstag Rad brennen, bewerben würden. Wo jemand gearbeitet, was die Person bisher geleistet und wo sie welchen Abschluss gemacht hat, war mir egal. Wichtig ist, wer der Mensch heute ist und dass er authentisch ist. In einem Video kann sich niemand verstellen. Manche Interessenten waren geradezu froh über dieses Bewerbungsformat und haben sich richtig ins Zeug gelegt. Andere trauten sich nicht oder forderten die schriftliche Variante, was ich ablehnte. Einige hatten Bedenken, dass ihr Video nicht professionell genug sein könnte, worauf ich entgegnete, es ginge mehr um Originalität als um perfekte Technik.

Welche Auswahlkriterien hatten Sie an die Bewerber gestellt?

Sehr wenige, verglichen mit Anzeigen, die ich gelegentlich lese. Da ich jemanden für die Kommunikation suchte, wollte ich eine offene und redegewandte Persönlichkeit. Ein Faible für Fahrräder und schöne Materialien war von Vorteil. Auf keinen Fall wollte ich jemanden aus der Fahrradbranche.

Ihr Business und Ihre Produkte sind sicherlich etwas unkonventioneller als der Durchschnitt. Benötigen „schräge“ Marken wie Ihre andere Methoden der Personalgewinnung als „seriösere“ Marken wie beispielsweise eine Bank?

Die künstlerische Methodik hat sich zum damaligen Zeitpunkt bewährt und entstand mit Anspruch, die Dinge anders zu machen. Es sollte allen Beteiligten Spaß machen und glaubwürdig wirken. Beim nächsten Mal würde ich sicherlich ein ganz anderes Video machen. Vielleicht sogar äußerst „seriös“ und als Persiflage auf sogenannte seriöse Branchen. Was die großen Marken da draußen angeht, würde ich mir wünschen, dass sie auch schräge Leute beschäftigen und mehr Mut zur Veränderung haben. Diese angepassten Konzernwelten, in denen fast alles vorhersehbar ist, finde ich leblos, langweilig und überbewertet.    

Sie upcyceln alte und seltene Rahmen. In aufwendiger Handarbeit  entstehen so neue Fahrräder. Wie würden Sie ihre Zielgruppe beschreiben?

Eine Benennung durch die einschlägigen Milieus ist schwierig. Unter ihnen befinden sich vorwiegend Kreative und Kulturschaffende, Schöngeister also, die sich gerne etwas Besonderes leisten. Es sind gebildete, aber auch weniger gebildete Menschen zwischen 25 und 70 Jahren aus allen Einkommensklassen. Letzte Woche kam ein Profifußballer der Bundesliga zu uns. Da waren wir etwas überrascht.   

Was raten Sie Absolventen für den Start in die berufliche Karriere, welche Soft-Skills spielen heutzutage eine Rolle und wie kann man diese trainieren?

Ich glaube, um das beantworten zu können, bin ich zu wenig an den Absolventen dran. Aber es ist heute bestimmt wichtiger denn je, sich immer wieder auf neue Situationen, insbesondere hinsichtlich der Umwelt einstellen zu können. Karriere bedeutet heute nicht mehr, sich lediglich mit etwas zu beschäftigen und gut dafür bezahlt zu werden. Die Welt braucht Menschen, die etwas Sinnvolles tun, die etwas bewegen und verändern. Die wichtigsten Soft-Skills sind meiner Ansicht nach Respekt und Achtsamkeit für unseren Planeten, also auch ein Bewusstsein dafür, wie Folgegenerationen auf ihm leben werden. Wer sich keine Gedanken über Massenproduktionsverfahren, ausbeuterisches Konsumverhalten oder den eigenen CO2 Fußabdruck macht, kann gar keine gut trainierten Soft-Skills haben. Von Absolventen erwarte ich, dass sie die vorgegebenen Strukturen im Wirtschaftssystem komplett in Frage stellen und sich mit Details auseinandersetzen. Nehmen wir nur mal das Modewort „Innovation“. Die meisten technischen, sozialen und digitalen „Innovationen“ bewirken lediglich eine Verlängerung bereits vorhandener Entwicklungen. Sie verändern nichts und sind überhaupt nicht innovativ im Sinne einer zukunftsfähigen Welt.      

Weshalb haben Sie sich für die Selbständigkeit entschieden?

In den zwei Jahren in denen ich insgesamt angestellt war, habe ich ein unglaubliches Pensum an unsinnigen und verlogenen Tätigkeiten absolviert. Die Versprechungen, die in unzähligen  Diskussionsmarathons ausgesprochen wurden, wurden nie eingehalten. Das und die vielen unnötigen Fernflüge, die sich Firmen eben so leisten, habe ich einfach nicht mehr ausgehalten. Das reicht wahrscheinlich für den Rest meines Lebens. Die Selbständigkeit ist für mich wie eine Flucht aus der Sklaverei. Ich bin kreativ und es fühlt sich einfach besser an.

Was sind Ihre nächsten Großprojekte?

Wir haben einige Baustellen. Eine davon ist, mit Radbau-Workshops in Unternehmen zu gehen: Als Team-Building-Maßnahme, Kreativ Workshop oder im Rahmen der Organisationsentwicklung. Wir wollen die Leute aus einem Haufen wertlos scheinender Materialien sehr schöne Fahrräder bauen lassen. Sie sollen mal was Praktisches machen. Die meisten sitzen ja zu viel vor dem Bildschirm und kommen aus dem Denken nicht raus. Ein weiteres Projekt ist die Suche nach kreativen Kooperationspartnern. Wir möchten uns mit kleinen feinen Marken, etwa aus der Mode-, Schmuck- und Musikbranche zusammen tun und Wirtschaft gemeinsam neu gestalten.    



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