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„Die Klimakrise fordert ein massives Umdenken und Handeln“

INTERVIEW | Dr. Alexandra Hildebrandt spricht über ihre prägenden Erfahrungen im Zusammenhang mit der KarstadtQuelle AG, über ihre Buchprojekte und wieso wir ein Bewusstsein für die Dringlichkeit brauchen.

INTERVIEW | Dr. Alexandra Hildebrandt spricht über ihre prägenden Erfahrungen im Zusammenhang mit der KarstadtQuelle AG, über ihre Buchprojekte und wieso wir ein Bewusstsein für die Dringlichkeit brauchen.

10.08.2021 | Ein Interview geführt von Laura Hofschlag | Bilder: Unsplash, Nicole Simon Photography

Alexandra ist Publizistin und Nachhaltigkeitsexpertin. Sie war viele Jahre in den oberen Führungspositionen der Wirtschaft ansässig. Von 2018 bis 2021 leitete sie die AG „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ für das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt „Nachhaltig Erfolgreich Führen“.

JOBVERDE: Alexandra, du hast Literatur-, Buchwissenschaft und Psychologie studiert. Woher kommt dein Wissen über Nachhaltigkeit?

Alexandra Hildebrandt: Es kam aus der Erfahrung und war nicht ‚erlesen‘. Über Nachhaltigkeit und Dringlichkeit lernte ich in einem Konzern, den es heute nicht mehr gibt: Anfang 2006 holte mich der damalige Warenhausvorstand zur „KarstadtQuelle AG“ (später ARCANDOR) als Leiterin der Gesellschaftspolitik. Die Voraussetzungen schienen perfekt. Ich hatte von Beginn an allerdings immer das Gefühl, mich beeilen zu müssen und möglichst alles sofort und gleichzeitig zu tun. Im Fokus meiner Arbeit stand damals vor allem der Austausch mit Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Medien, nachdem in Bangladesch eine Fabrik zusammengestürzt war und viele Menschen ums Leben kamen. In den Trümmern wurden u.a. Etiketten von Neckermann gefunden, die bei uns Testaufträge vergeben hatten. Vertreter von NGOs und Oberkirchenräte befanden sich wegen der Schuldfrage in einem zähen und zuweilen nervenaufreibenden Austausch mit dem Vorstand – bis endlich ein Gespräch zwischen allen Beteiligten in der Konzernzentrale stattfinden konnte.

An diesem Beispiel zeigte sich für mich damals, wie wichtig es ist, auf sein Bauchgefühl zu hören, Kritiker einzubinden und nicht wie Fremdkörper auszuschließen. Mir wurde allerdings auch bewusst, dass starre CSR-Konzepte und Standardprogramme keinen Sinn machen, denn alles änderte sich in diesem Unternehmen in einer solchen Geschwindigkeit, dass Konzepte von heute schon morgen nicht mehr gültig sind. Nichts aufschieben, sondern machen war die Devise. Denn auch meine Vorgesetzten im Vorstand wechselten fast jedes halbe Jahr. Von diesen ‚Wechseln' habe ich alles über Nachhaltigkeit gelernt – kein noch so wissenschaftliches Werk und keine Beratungsagentur konnte mir das vermitteln.

Die erste Lektion war, dass das Thema Nachhaltigkeit nie an einer Person festgemacht oder es über sie definiert werden darf. Vor diesem Hintergrund wurde auch ein Nachhaltigkeitscouncil gegründet, bestehend aus Mitgliedern des Aufsichts- und Betriebsrats und der Fachabteilungen.

2007 wurde der Kunstname ARCANDOR („arc“ = Bogen, „candor“ = glänzend) eingeführt (anstelle von „KarstadtQuelle AG“). Der Name erinnerte viele jedoch eher an eine Vogelgestalt aus Harry Potter und auch der Bezug zum Unternehmen sowie seinen Gesellschaften ging verloren. Je verwässerter die Unternehmensbotschaften wurden, desto mehr lies ich produzieren: Broschüren oder Bücher, Sonderdrucke oder Pressemappen – kurz, alles, was Nachhaltigkeit sichtbar machen sollte. Doch immer wenn ein Produkt fertiggestellt war, konnte es nicht mehr verwendet werden, weil sich die Organisation änderte und Vorstände, die das jeweilige Projekt unterstützt haben, nicht mehr da waren. Dass ich nie in meiner Arbeit bei ARCANDOR behindert wurde, lag wohl nicht daran, dass ich meine Sache besonders gut und engagiert machte, sondern vielmehr an der Interesselosigkeit der Verantwortlichen, die keine Zeit hatten, sich um Themen wie Nachhaltigkeit und Gesellschaftspolitik zu kümmern.

Was bedeutet für dich Nachhaltigkeit?

Der Begriff Nachhaltigkeit stammt bekanntlich aus der Forstwirtschaft: Wer einen Wald bewirtschaftet, darf nur so viel Bäume fällen und verkaufen wie auch nachwachsen können (von Carlowitz: 1713/2013). Die Grundaussage (was ‚tragfähig‘ ist) findet sich im Bericht an den Club of Rome (1972). Es wurde nach einem Modell für ein Weltsystem gesucht, das ‚nachhaltig‘ ist. Was bedeutet: gegen den Kollaps von Gesellschaften gefeit zu sein, der auf die Übernutzung verfügbarer Ressourcen zurückgeht. Dies ist für mich auch mit Resilienz verbunden. „Resilient“ ist abgeleitet vom lateinischen „resilire“ („zurückprallen, zurückschrumpfen“), das englische Wort resilience beinhaltet zusätzlich die Veränderungskompetenz.

Sinngehalt und Verwendung des Begriffs Resilienz differieren zwar, doch im Kern ist immer die Fähigkeit eines Systems gemeint, auf Krisen und Störungen zu reagieren, sich selbst zu erneuern ohne sich grundlegend zu verändern. Resilienz sollte nicht als statische Größe gesehen werden, weil sie aus einem prozesshaften, dynamischen Kräftespiel des Schaffens und Bewahrens von kognitiven, emotionalen, strukturellen oder auf Beziehungen gerichteten Ressourcen besteht. Sie setzt das Vorhandensein latenter Ressourcen voraus, die im Falle von Herausforderungen aktiviert und kombiniert werden können.

Von 2010 bis 2013 warst du DFB-Nachhaltigkeitsbeauftragte. Welche Erfahrungen konntest du hier sammeln?

Als der DFB-Bundestag im Oktober 2010 den Beschluss zur Einrichtung der Kommission Nachhaltigkeit fasste, wurde mir verstärkt die enorme Hebelwirkung bewusst, die von einem Sportverband ausgehen kann, wenn die verantwortliche Führung gesellschaftspolitische Themen aus dem Kerngeschäft heraus selbst lebt. So war es ein zentrales Anliegen des damaligen DFB-Präsidenten Dr. Theo Zwanziger, dass durch die Kommissionsmitglieder auch externe Sichten in den Prozess eingebracht werden. Sie kamen aus verschiedensten Bereichen des öffentlichen Lebens wie der Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Sport und Kultur. Diese heterogene Zusammensetzung sollte gewährleisten, dass neue Denkansätze entwickelt und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wurden. Themen wie Spielbetrieb, Ehrenamt, Bildung, Umwelt, Anti-Diskriminierung und gesellschaftliches Engagement sollten in einen übergeordneten Kontext wahrgenommen werden und als strategische Herausforderung. Denn Nachhaltigkeit ist vor allem eine Management- und Führungsaufgabe. Dazu gehören die interne Strukturierung des Themas innerhalb einer Sportorganisation sowie die Bestimmung der Reichweite und Grenzen. Die Kommission Nachhaltigkeit wurde im Oktober 2013 (DFB-Bundestag) aufgelöst. Für den Sportverband war die gemeinsame Arbeit der Mitglieder mit der Erstellung des ersten Nachhaltigkeitsberichts abgeschlossen.

Doch schon nach dem Ausscheiden von Dr. Zwanziger konnte das Thema Nachhaltigkeit nicht mehr professionell gestaltet werden. Denn dazu hätten interne Machtbefugnisse und Strukturen verändert werden müssen. Ein solches Organisationssystem lässt sich nicht beeinflussen, indem ein kleiner Bestandteil des Systems verändert wird – es müssen alle Bestandteile berücksichtigt sowie Arbeitsweisen, Strukturen sowie Werte und Ziele auf sich verändernde Herausforderungen abgestimmt sein. Die Probleme des DFB zeigen sich auch heute noch. Es entspricht allerdings nicht meinem Verständnis von Nachhaltigkeit, das eigene Tun ausschließlich von Institutionen abhängig zu machen. Es liegt immer an uns selbst, wie wir mit dem Thema umgehen, und was wir daraus machen.

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„Nachhaltigkeit ist vor allem eine Management- und Führungsaufgabe“ (Alexandra, Bild: Nicole Simon Photography)

Du hast zahlreiche Bücher publiziert. Eines deiner Buchprojekte heißt „Gesichter der Nachhaltigkeit“.

Mit diesem Buch war damals auch ein gleichnamiges Onlineprojekt verbunden, indem sich Menschen, darunter viele Prominente, zur Nachhaltigkeit bekannten und dies auch handschriftlich zu ihrem jeweiligen Foto hinterlegten. Es hat sich jedoch schnell erschöpft: Es gingen so viele Beiträge ein, auch von Lobbyisten und Werbetreibenden, die das Thema immer mehr verwässerten. Der Zeitpunkt war gekommen, das Projekt zu beenden. Der Ursprung meines Engagements war, der Nachhaltigkeit einen persönlichen Bezug zu verleihen:

2007 suchte ich nach einer Möglichkeit, Nachhaltigkeit bei ARCANDOR auf glaubwürdige Weise zu kommunizieren – das kann nämlich kein Nachhaltigkeitsbericht. Inzwischen hatte ich eine eigene Fotodatenbank mit echten Mitarbeiterfotos aufgebaut, Geschichten, Reportagen und Interviews aus allen Bereichen gesammelt. In meiner Freizeit führte ich Interviews mit Unternehmerinnen und Unternehmern, Künstlern und Sportlern, die eine Haltung haben und auf ihre Weise nachhaltig wirken – darunter auch Josef Zotter und Claus Hipp. Das Buch trug den Titel „Die Andersmacher. Unternehmerische Verantwortung jenseits der Business Class“.

Was passierte mit dem Buchhonorar?

Wir haben uns entschieden, davon kleine Miniaturbären in einer limitierten Auflage produzieren zu lassen. Jeder Bär trug einen Wollfilzschal mit der Stickerei „Verantwortung tragen“. Wer sich seiner Verantwortung bewusst wird und den Mut hat, sich zu bekennen, erfährt sich selbst als Lebensgestalter und nicht Verwalter. Die Bären wurden zunächst seit Oktober 2008 an engagierte Mitarbeiter des Konzerns und seiner Gesellschaften verteilt, aber auch an Prominente, Künstler, Medienvertreter, Kulturschaffende, Geistliche und Wissenschaftler. Sie ließen sich damit fotografieren und gaben ein Statement ab: „Verantwortung tragen heißt für mich…“

Eine besondere Herausforderung war dann die Zeit der Insolvenz, weil ich nur noch als Privatperson und nicht mehr offiziell über ein Unternehmen agieren konnte. Die Initiative ist dann mit den Mikroförderbeträgen 2011 als Nebenprojekt in die DFB-Stiftung Egidius Braun eingegangen. Das Teddy-Unternehmen schenkte den Initiatoren einen lebensgroßen Bären, der ebenfalls einen Schal mit der Beschriftung „Verantwortung tragen“ trug. Seit 2010 steht der Bär hier im Rathaus und soll nun der Förderung unseres neuen Nachhaltigkeitsprojekts zugutekommen. Am 14. Dezember 2018 wurden die gesammelten Spenden der Initiative „Verantwortung tragen“ von der DFB-Stiftung Egidius Braun an die Arne-Friedrich-Stiftung und Horizont e. V. zugunsten von kleinen Nachhaltigkeitsprojekten ausbezahlt. Die letzten Dinge der Initiative sollen nun dem interdisziplinären Nachhaltigkeits- und Kulturprojekt „GOETHE im Spiegel des 21. Jahrhunderts“ zugutekommen (Versteigerung, Verlosung etc.). Denn sich für etwas verantwortlich zu fühlen, bedeutet nicht nur, großen Ereignissen verpflichtet zu sein, sondern auch den Blick für die Mikroperspektive zu richten. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und der damit verbundenen globalen und gesellschaftlichen Herausforderungen soll damit ein Zeichen gesetzt werden. Die Fotografin Nicole Simon, der Verleger Alexandre Goffin und ich sind von der Wichtigkeit der Botschaft, die wir als Untertitel gewählt haben, überzeugt: „Was die Welt im Innersten zusammenhält.“

2020 hast du das Buch „Klimawandel in der Wirtschaft“ herausgegeben. Wovon handelt es und wieso brauchen wir ein ‚Bewusstsein für die Dringlichkeit‘?

Das neue Zeitalter des Menschen hat uns die planetarischen Grenzen aufgezeigt. Dabei geht es um eine evolutionäre Reifeprüfung, ohne dass uns die Möglichkeit der Wiederholung offensteht. Die Klimakrise fordert ein massives Umdenken und Handeln. Dringlichkeit ist etwas anderes als „wichtig“ – sie zeigt sich in dem Moment, indem erkannt wird, dass sofort und gemeinsam gehandelt werden muss. Dringlichkeit fußt auf den drei Säulen: Verstehen, Hoffnung und Identifikation. Die Erhöhung der Dringlichkeitstemperatur hat enormen Einfluss auf die Energie der (gesellschaftlichen) Veränderung. Denn ab einer bestimmten Temperatur fügen sich die Dinge und es entsteht die Bereitschaft, handfeste Beiträge zu leisten, anstatt nur zu reden oder zu schreiben. Die Veränderung kommt buchstäblich in die Gänge. Das Buch widmet sich deshalb auch in einer besonderen Weise einer Bewegung, die ihre Kraft und Wirksamkeit aus der Dringlichkeit ihres Anliegens zieht. Was wir tun können, ist, den Generationen zuzuhören und zu versuchen, den Zustand der Welt neu zu bewerten – auf dieser Grundlage ist nachhaltiges Handeln möglich. Der Herausgeberband versammelt Beiträge aller Generationen.

Wie können wir es schaffen, bewusstere und klimafreundlichere Entscheidungen zu treffen?

Die meisten Menschen glauben nicht mehr an die großen Geschichten vom gesellschaftlichen Fortschritt und von der Zukunft. Relevant ist für sie eher das, was sie überschauen und jetzt verändern können – in kleinen Gemeinschaften bzw. im eigenen Netzwerk. Die Veränderungen beginnen bei uns selbst. Die Zeit für Veränderungen wird immer knapper und die Zukunft immer düsterer – dennoch hat jeder Einzelne täglich die Möglichkeit, auf seine Weise dazu beizutragen, das Leben um einiges besser zu machen, indem er bewusste und klimafreundliche Entscheidungen trifft. Dafür braucht es umfassende Maßnahmen und Programme, die den Verbrauchern bei ihrer Wahl helfen. Auch müssen die politischen Maßnahmen fair sein. Das bedeutet beispielsweise: günstigen öffentlichen Nahverkehr und ökologische Bahnfahrten für alle, bezahlbare, energieeffiziente Wohnungen, die an den Nahverkehr angebunden sind, sichere Radwege, ein Umgang mit Land, der Zersiedelung vermeidet und lokale, energiesparende Formen der Landwirtschaft fördert, nachhaltige Stadtplanung etc. Jede noch so kleinste Entscheidung von uns bestimmt das Schicksal kommender Generationen. Neuanschaffungen sollten unter dem Gesichtspunkt der Energieeffizienz und der langfristigen Kosteneinsparungen getätigt werden.

Wieso ist eine ganzheitliche Betrachtung der Nachhaltigkeit von enormer Wichtigkeit?

Im Komplexitätszeitalter braucht es interdisziplinäres und tiefes Denken. Eigenständige Themen müssen als Teil eines größeren Ganzen gesehen werden. Panoramablick und Überblickswissen, richtige Rahmenbedingungen für Persönlichkeitsbildung, Kompetenz- und Wissenserwerb sowie Werteerziehung im humboldtschen Sinne sind heute unabdingbar. Das bedeutet auch im Kontext der Nachhaltigkeit, dass es wichtig ist, Grenzen im Kopf aufzulösen und das Unmögliche mit dem Machbaren zu verbinden. Die ganzheitliche Betrachtung der Nachhaltigkeit trägt auch dazu bei, eine innere Haltung finden, den Dingen auf den Grund zu gehen, sie umfassend zu hinterfragen und zu reflektieren. Nachhaltigkeit verstehen bedeutet nämlich auch, in Sinnzusammenhängen zu denken und die eigene Urteilskraft zu entwickeln. Nachhaltigkeitswissen ist, was erlebt und verstanden worden ist. So ist ja auch eine Landkarte nicht die Landschaft, die immer auf ganz andere Weise erlebt wird als das Lesen von Karten. „Wirkliches“ Wissen hängt mit der emotionalen Ebene unmittelbar zusammen.

 

Vielen Dank für das Interview, Alexandra!

Dir schwebt nun auch noch eine Frage im Kopf herum, die du gerne an Alexandra Hildebrandt stellen möchtest?

Dann schreib sie in die Kommentare. Wir freuen uns auf den Austausch mit dir!

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Auch das Interview mit Christian Berg könnte für dich interessant sein: Ist Nachhaltigkeit utopisch?

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