Großes Innovationspotential im Bereich der Erneuerbaren Energien vorhanden
Kandidaten und Querdenker

Großes Innovationspotential im Bereich der Erneuerbaren Energien vorhanden

INTERVIEW | Prof. Dr.-Ing. Eva Schwenzfeier-Hellkamp leitet den Bachelorstudiengang Regenerative Energien an der FH Bielefeld. Im Interview mit JOBVERDE spricht Sie über die Zukunft der Branche und Karrierechancen für junge Ingenieure.

INTERVIEW | Prof. Dr.-Ing. Eva Schwenzfeier-Hellkamp leitet den Bachelorstudiengang Regenerative Energien an der FH Bielefeld. Im Interview mit JOBVERDE spricht Sie über die Zukunft der Branche und Karrierechancen für junge Ingenieure.

20.06.2017 - das Interview führte Hanna Lohoff

JOBVERDE: Sie leiten den Bachelorstudiengang Regenerative Energien an der FH Bielefeld. Wie bereitet der Studiengang die Studierenden auf den Berufsalltag im Bereich der Erneuerbaren Energien vor?

Eva Schwenzfeier-Hellkamp: Das anwendungsorientierte Bachelorstudium der Regenerativen Energien beinhaltet während des Studienverlaufs verschiedene Formate um den Praxisbezug zu Erneuerbaren Energien zu vermitteln.  Eine Berufsfeldorientierung findet bereits im ersten Semester mit einem Modul zum Themenfeld „Einführung in das Berufsfeld“ statt. Zudem weisen nahezu alle Module des gesamten Studiums ein angeleitetes Laborpraktikum oder ein Projekt als zwingendes Element auf. Die Laborpraktika werden in Kleingruppen durchgeführt, um das gelernten Wissen aus der Vorlesung an praktischen Beispielen experimentell zu vertiefen. Für die Laborpraktika werden realitätsnahe Regenerative Energieanlagen genutzt, z.B. sechs Photovoltaikanlagen jeweils mit 2 kWp Leistung auf dem neuen Hochschulstandort oder verschiedene Anlagen im Klimapark Rietberg. Die Lehre wird mit Exkursionen und Lehrenden aus der Praxis bereichert. Zwei umfangreiche Projekte im 4. und 5. Semester sowie ein Praxisprojekt in der Industrie über 12 Wochen führen die Studierenden schon während des Studiums an die betriebliche Praxis heran. Darüber hinaus ist das Praxisbüro am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik (IuM) für Studierende und Unternehmen zentraler Ansprechpartner in allen Fragen zum Berufseinstieg. Die Beratungs- und Qualifizierungsangebote bereiten die Studierenden frühzeitig auf den Übergang in die Arbeitswelt vor, geben Orientierung und eröffnen neue Perspektiven. Durch Aufbau von Netzwerken mit Unternehmen können die Studierenden frühzeitig Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern knüpfen. Das Praxisbüro führt Workshops und Trainings begleitend zu den betrieblichen Praktika oder zum Berufseinstieg durch.
   
Können Sie ein paar Beispiele dafür geben, wo Ihre Absolventen anschließend tätig sind?
     
Knapp 90 % der Absolventinnen und Absolventen sind vollzeitbeschäftigt und befinden sich mit 82% in unbefristeten Arbeitsverhältnissen. 23% arbeiten in Bielefeld, 59 % in der Region Bielefeld und 18% in Deutschland. Die Bandbreite der Unternehmen ist recht groß. Die Beschäftigungsmöglichkeiten erstrecken sich von der Entwicklung über Testen von Komponenten/Systemen und der Planung von Anlagen/Netzen bis hin zur Beratung von Unternehmen und Privatpersonen. Nachfolgend sind exemplarisch Unternehmen ohne Anspruch auf Vollständigkeit aufgeführt. Es sind große Unternehmen, wie z.B. Siemens, im Bereich der Windenergie und Klimatechnik sowie Unternehmen im Bereich der Verbindungs- und/oder Automatisierungstechnik, wie z.B. Phoenix Contact, Beckhoff und Harting als Arbeitgeber zu nennen. Im Bereich der Tests sind beispielsweise dSPACE und Bosch vertreten. Für den Bereich der Planung treten z.B. die Unternehmen Greenergetic (Photovoltaikanlagen) und Tennet (Netzplanung) als Arbeitgeber auf. Im Bereich der Beratung kann die EffizienzAgentur NRW genannt werden.
 
Die Branche der Erneuerbaren Energien erlebte in Deutschland einen großen Aufschwung, heute ist sie durch auslaufende Subventionen und Billigproduzenten aus China bedroht. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Pleite des Solarherstellers Solarworld. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Meines Erachtens nach werden die Erneuerbaren Energien zukünftig  weiterhin eine wichtige Rolle spielen. In Deutschland gibt es ein großes Innovationspotential, so dass unsere Ingenieurinnen und Ingenieure, die wir ausbilden, ein weites Betätigungsfeld haben werden. Die Vernetzung der verschiedenen Energieerzeugungsmöglichkeiten (z.B. mit Photovoltaikanlagen, Windkraftanlagen, Biogasanlagen etc.) sollte künftig stärker in den Fokus gerückt werden. Die verschiedenen Stärken der einzelnen Anlagenformen in Kombination miteinander zu nutzen ist bedeutend. Auch die Betrachtung der Last (den Verbraucher in den Fokus zu stellen) wird wichtiger werden. Das bedeutet, dass dezentrale Strukturen auf der einen Seite aber auch der Netzaufbau auf der anderen Seite zu betrachten sind. Die Herausforderung in Deutschland ist, dass alte konventionelle Strukturen und Systeme überdacht werden und damit Veränderungen erfordern. Der Einsatz Erneuerbarer Energien hat schon zum Umdenken angestoßen. Dies steht immer in Verbindung mit Einstellungen von Einzelnen, diese zu verändern, kann nur allmählich vorangetrieben werden. Es steht meiner Auffassung nach außer Frage, dass wir Erneuerbare Energien auch zukünftig benötigen. Unsere Ingenieurinnen und Ingenieure gestalten diesen Veränderungsprozess bereits mit und geben den immer komplexer werdenden Energiesystemen wertvolle Impulse.  

Spiegeln sich die Veränderungen der Branche auch in den Bewerberzahlen Ihres Studiengangs wider?

Die Bewerberzahlen sind im Allgemeinen wenig aussagekräftig, da sich die Bewerberinnen und Bewerber gleichzeitig bei mehreren Hochschulen bewerben. Daher sollte sich die Betrachtung auf die eingeschriebenen Studierenden zum 1. Semester konzentrieren. Die geplanten Aufnahmezahlen können wir hierbei erreichen.
 
Wie schätzen Sie die aktuellen Karrierechancen im Bereich der Erneuerbaren Energien in Deutschland ein?

Im Bereich der Erneuerbaren Energien schätze ich die Karrierechancen aktuell als gut ein. Für jetzige Schülerinnen und Schüler schätze ich die Karrierechancen sogar sehr gut ein, da ich davon überzeugt bin, dass sich der Markt weiter positiv entwickeln wird.  Die Produktion wird sich stärker auf komplexere Komponenten, die von der Digitalisierung in der Produktion profitieren können, und auf sehr innovative Komponenten und Systeme als Zulieferkomponenten konzentrieren. Zukünftig wird unter anderem die Entwicklung von Komponenten und Systemen, die Planung und Projektierung der Anlagen sowie die Beratung von Privatpersonen und Unternehmen weiter in den Vordergrund rücken. Die Vielfalt geht von Energieerzeugungsanlagen, Netzen (z.B. elektrische Netze und Wärmenetze) bis hin zu energieeffizienten Systemen. Ein breites Betätigungsfeld, das interdisziplinäre Arbeit ermöglicht.
   
Was raten Sie ausgebildeten, jungen Ingenieuren, die sich eine berufliche Zukunft in dieser Branche in Deutschland erhoffen?

Die jungen Ingenieurinnen und Ingenieure sollen all ihre Energie und ihr Wissen nutzen, um bei der Gestaltung der Energiebranchen mitzuwirken und neue Impulse zu setzen. Hierfür ist Neugier, Kreativität und Durchhaltevermögen gefragt. Das Studium bedeutet nicht das Ende des Lernens. Es ist wichtig, sich auch nach dem Studium kontinuierlich weiterzubilden und somit die aktuellen Entwicklungen weiterzuverfolgen. Zudem ist der Aufbau von Netzwerken für den Erfahrungsaustausch und den Blick über die eigene Disziplin hinaus sehr wertvoll.  

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen, vor denen Unternehmen, die in der Branche der Erneuerbaren Energien hierzulande tätig sind, stehen?

Innovative Unternehmen stehen einem eher konservativen Markt mit mächtigen Marktplayern gegenüber, die die Umsetzung der Ideen verzögern können. Wenn sich Global Player in diesem Bereich bewegen, ist gleichzeitig viel Geld im Spiel, was eine große Konkurrenz mit sich bringt. Hier ist großes Durchhaltevermögen der Unternehmen in der Branche der Erneuerbaren Energien gefragt. Die Anlagen im Bereich Erneuerbarer Energien werden häufig in der Nähe der Bürgerinnen und Bürger geplant und somit vor der Haustür der Verbraucher sichtbar. Im Vergleich wurden früher, wenn z.B. Kerntechnische Anlagen betrachtet werden, diese eher in ländlichen Regionen geplant, wo nur wenige Anwohnerinnen und Anwohner die direkte Nähe zum Kernkraftwerk hatten. Somit ist eine Akzeptanz der betroffenen Personen zu den dezentralen Energieerzeugungsanlagen notwendig, um die Anlagen in größeren Stückzahlen ins Feld zu bringen. Hier ist es wichtig, den Bürgerinnen und Bürgern den Mehrwert der Anlagen zu vermitteln und diese früh in den Prozess einzubinden.



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