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Mit Mode zur finanziellen Unabhängigkeit

INTERVIEW | Das Social Business von Andrea Bury vereint alte Handwerkskunst aus Marrakesch mit Chancen für lokale Kunsthandwerker*innen.

INTERVIEW | Das Social Business von Andrea Bury vereint alte Handwerkskunst aus Marrakesch mit Chancen für lokale Kunsthandwerker*innen.

17.08.2021 | Ein Interview geführt von Laura Hofschlag | Bilder: ABURY Collection

Im Interview sprechen wir mit Gründerin Andrea Bury über ihr Social Business, über die Fashion-Industrie und wieso finanzielle Unabhängigkeit den Zugang zu Bildung sichert.

JOBVERDE: Andrea, du bist 2007 nach Marrakesch gegangen. Welche Erfahrungen hast du in dieser Stadt gemacht?

Andrea Bury: Wir sind nach Marrakesch gegangen, um ein altes Haus in der Medina mit Kunsthandwerkern zu renovieren und daraus einen Ort der Begegnung zu machen. Marrakesch war das Eintauchen in eine völlig neue Welt. Kultur, Sprache, Leben – alles war anders und am Anfang eine ganz schöne Herausforderung. Man kommt ja mit einer gewissen Vorstellung dort an, mit Ideen und mit der eigenen Sozialisierung im Gepäck. Und dann stand ich auf einer Baustelle mit hundert marokkanischen Männern – und ich glaube, es war für die genauso eine Herausforderung wie für mich. Aber mit Respekt, Offenheit und einem guten Sinn für Humor haben wir nach ein paar Monaten zusammengefunden. Ich war am Ende die einzige Frau bei dem Ramadan-Fest unseres Teams und sie haben mir beigebracht, was man beim Fastenbrechen in welcher Reihenfolge isst und vieles mehr. Ich war fasziniert von der Kultur, der Gastfreundschaft und der Handwerkskunst.

Wieso hast du ein Social-Business gegründet?

Im Leben vor Ort und dem Austausch mit den Menschen wird man dann natürlich auch mit deren Herausforderungen konfrontiert. Schockiert hat mich die Analphabetenrate bei Frauen, die immer noch über 50% liegt. Außerdem die Tatsache, dass die wundervollen Fähigkeiten der Kunsthandwerker*innen nicht so wertgeschätzt und entlohnt werden, dass sie ihre Kinder auf eine weiterführende Schule schicken können (nach der 7. Klasse). Gleichzeitig bin ich ja auch immer wieder nach Deutschland zurückgefahren und alle meine Freundinnen fanden die Sachen, die ich mitbrachte, immer superschön. Und da ich mich damals inspiriert von Mohammad Yunus mit dem Thema Social Business beschäftigt habe, kam mir der Gedanke, selbst ein Social Business zu gründen. Ein Business, dass den Menschen vor Ort ermöglicht, ein gutes Leben zu führen und Zugang zu Bildung zu bekommen.

Was ist die Mission von ABURY Collection?

Die übergeordnete Mission von ABURY ist vor allem Frauen die finanzielle Unabhängigkeit zu ermöglichen und damit auch ihren Kindern Zugang zu Bildung zu geben. Wir machen das, indem wir Workshops mit Designern organisieren, die mit den Kunsthandwerker*innen leben sowie arbeiten. Gemeinsam gestalten sie aus dem alten Handwerk Produkte, die für einen fairen Preis am internationalen Markt platziert werden können. 50 % der Profits gehen in die ABURY Foundation, die ich zeitgleich ins Leben gerufen habe. Mit der Foundation setzen wir Bildungs- und Communityprojekte vor Ort um. Die Idee dahinter ist, dass es sich nicht nur um Spenden handelt, sondern die Menschen vor Ort auch wissen, dass sie dies auch mitfinanziert haben – sie können also stolz darauf sein, es ist ihre Arbeit, die die Schule mitfanziert.

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„Mit der Foundation setzen wir Bildungs- und Communityprojekte vor Ort um.“ (Andrea, Bild: ABURY Collection)

Du hast die ABURY Foundation im Jahr 2011 gegründet. Bitte erzähle uns mehr über das Projekt.

Die ABURY Foundation hat zum Ziel, Frauen in die finanzielle Unabhängigkeit zu führen. Wie oben erwähnt, finanziert sie sich einmal über Teile des Profits der ABURY Collection sowie über zusätzliche Spenden und Projekte, wie zum Beispiel unser PortrAID.org Projekt. In der Vergangenheit haben wir so schon Augen-Operationen von Kunsthandwerker*innen finanziert, Webstühle, einen Brunnenbau und vor allem auch seit 2013 ein Alphabetisierungsprogramm für Frauen und Kinder im Atlasgebirge in Marokko.

Unser neustes Projekt ist eine digitale/mobile Plattform, die (zukünftige) Unternehmerinnen in abgelegenen Gebieten, Zugang zu Unterstützung bietet. Durch Corona wurden weltweit viele Frauenprogramme digitalisiert – von Mentoring über Webinare, Accelerator-Programme bis zu Fundingprozessen. Doch wenn ich in Mali ein Health-Tech Start-Up gründen will, weiß ich vielleicht nicht unbedingt davon. Durch einen intelligenten Suchprozess wollen wir es diesen Frauen ermöglichen, sich mit der Welt und den Möglichkeiten zu verknüpfen. Wir freuen uns über jede*n, die mitmachen und/oder unterstützen wollen!

Wieso bist du mit deinem Social-Business in die Fashion-Richtung gegangen?

Ich hatte keine Ahnung vom Mode-Business. Wir haben viel auf dem Weg gelernt. Aber das erste Produkt, in das ich mich wirklich verliebt habe vor Ort, war eine handgestickte, alte Berber-Tasche. Und so kam es, dass wir mit Taschen begonnen haben.

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Designer*innen und Kunsthandwerker*innen leben und arbeiten zusammen. (Bild: ABURY Collection)

Wie blickst du auf die Fashion-Industrie und wo ordnest du ABURY Collection ein?

Die Fashion-Industrie ist eine der Industrien in der Welt, die Mensch und Natur am meisten ausbeutet. Der Modekonsum hat sich allein in den letzten 15 Jahren verdoppelt. Rund 1,1 Mio. Tonnen Kleidung landen jedes Jahr im Müll. Fast Fashion wurde in den 80er und 90er Jahren dafür gefeiert, dass es Mode demokratisiert, also allen zugänglich macht. Das ist aus dem Ruder gelaufen, heute gibt es teilweise 24 Kollektionen im Jahr. Jetzt müssen wir schauen, in welche Richtung sich die Modeindustrie weiterentwickelt. Es findet ja langsam eine Änderung im Mindset statt, aber das klassische Fast Fashion Modell wird so nicht überleben können. ABURY, wie viele private Labels, respektiert Mensch und Natur.

Welche Rolle spielt die Nachhaltigkeit in deinem Social-Business?

Nachhaltigkeit ist ein Teil unserer DNA. Wir sind seit 2017 zertifiziertes BCorp Unternehmen. Dort wird man in den Bereichen Governance, Community, Mitarbeiter, Kunden und Umwelt geprüft. Man muss nicht von Anfang an perfekt sein (das schafft sowieso niemand), aber als BCorp unterschreibt man, dass man sich auf die Reise begibt und immer weiter versucht, in den verschiedenen Bereichen sich zu verbessern. Die BCorp Community ist sehr aktiv und so wird man von anderen auch immer wieder inspiriert, hat Vorbilder und auch den Austausch und den Rat von anderen, wie sie bestimmte Prozesse umgestellt haben. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist unglaublich motivierend, da man sieht, wie die Community wächst, immer wieder neue Ideen entstehen und alle für ein Ziel arbeiten – a better world.

 

Vielen Dank für das Interview, Andrea!

Dir schwebt nun auch noch eine Frage im Kopf herum, die du gerne an Andrea Bury stellen möchtest?

Dann schreib sie in die Kommentare. Wir freuen uns auf den Austausch mit dir!

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