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share-Gründer: „Ich habe nur ein Leben und ich will es bestmöglich nutzen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen“

INTERVIEW | Wie können soziale Unternehmen sicherstellen, dass ihr Schaffen einen nachhaltig positiven Impact kreiert? Sebastian Stricker spricht mit uns im Interview über seine Erfahrungen als Gründer, zeigt sich aber auch von einer ganz privaten Seite.

INTERVIEW | Wie können soziale Unternehmen sicherstellen, dass ihr Schaffen einen nachhaltig positiven Impact kreiert? Sebastian Stricker spricht mit uns im Interview über seine Erfahrungen als Gründer, zeigt sich aber auch von einer ganz privaten Seite.

09.07.2021 | Ein Interview geführt von Laura Hofschlag | Bilder: share

Nach seinem Magisterstudium in Wien und der Promotion in Politikwissenschaft hat Sebastian vorerst als Unternehmensberater gearbeitet. Später ist er für die Clinton-Stiftung und das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen in Tansania und Westafrika unterwegs gewesen. Dann packte ihn der Gründergeist.

JOBVERDE: Sebastian, wie würdest du dich als Unternehmer mit drei Worten beschreiben?

Sebastian Stricker: Ich bin ein pragmatischer Optimist voller Motivation, an einem besseren Morgen zu arbeiten.

Du hast 2013 die App ShareTheMeal gegründet und 2017 Share – siehst du dich schon als Experte für Gründungen?

Ich bin mir nicht sicher, ob es Sinn macht, sich überhaupt als Experte für Gründungen zu bezeichnen. Scheitern ist immer eine Option, egal, wie oft man schon gegründet hat: Jedes entstehende Unternehmen hat seine ganz eigenen Herausforderungen und auch der Markt verändert sich ständig. Meiner Meinung nach kommt es nicht unbedingt darauf an ein Experte zu sein, sondern vor allem darauf, wirklich mit Herz und Verstand bei der Sache zu sein. An den Erfolg der eigenen Vision zu glauben und alle Hebel in Bewegung zu setzen, die es gibt – beziehungsweise fehlende Hebel zu bauen…

Vor welchen Herausforderungen standest du bei deinen Gründungen?

Die App ShareTheMeal aufzubauen war ein Wendepunkt in meiner Karriere. Viele von Euch kennen sicherlich das Gefühl der Unsicherheit, ob man mit seiner aktuellen Tätigkeit seine Zeit auf Erden wirklich optimal nutzt. Seit dem Moment der Gründung von ShareTheMeal hatte sich diese Frage für mich beantwortet – ich habe nur ein Leben und ich will es bestmöglich nutzen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das Bewusstsein am Ende eines Arbeitstages, dass unter anderem durch meine Tätigkeit an diesem Tag Menschen eine Mahlzeit ermöglicht wurde, die für sie andernfalls nicht zugänglich gewesen wäre, kann man mit dem Wort “Motivation” eigentlich gar nicht mehr beschreiben. Und so war es für mich naheliegend, die Idee des 1+1 hinter der App (jede Mahlzeit ermöglicht einer anderen Person eine weitere Mahlzeit) auszubauen, um noch mehr Impact zu generieren.

Die Herausforderungen, denen wir bei der Gründung von share begegnet sind, waren Großteils die Typischen eines jeden Gründerteams. Jedoch mit einigen Besonderheiten. So mussten wir natürlich unser Geschäftsmodell validieren, wobei das Besondere bei share im Vergleich zu traditionellen Unternehmen ist, dass wir das Geben direkt in unser Geschäftsmodell integriert haben. Unser 1+1 Prinzip ist unmittelbar an unseren Umsatz gekoppelt. Das heißt, dass wir keine Gewinne erzielen, ohne nicht vorher zuerst sozialen Nutzen zu generieren. Dieses Modell hat uns bei der Suche nach geeigneten Investoren natürlich vor Herausforderungen gestellt. Im Endeffekt haben wir unsere Geschäftspartner*innen immer sehr bewusst ausgesucht und hierauf einen großen Fokus gelegt. Dies gilt auch für unsere Handelspartner wie REWE und dm, ohne die die überwältigende Resonanz nach unserem Markteintritt niemals möglich gewesen wäre. Wir haben das große Glück, dass all unsere Investoren und Partner*innen unglaublich engagiert dabei sind und uns helfen, die Vision des Erschaffens eines sozialen Konsums Wirklichkeit werden zu lassen.

Und an welche besonderen Momente denkst du gerne zurück?

Momente, an die ich gern denke und die mich mit Stolz erfüllen, sind beispielsweise unser Markteintritt: dank des Vertrauens von REWE und dm in unsere Vision und die Qualität unserer Produkte war es uns möglich, direkt mit drei verschiedenen Produkten (Wasserflaschen, die einen Tag Trinkwasser spenden; Riegel, die eine Mahlzeit ermöglichen; Seifen, die eine Hygieneleistung ermöglichen) in über 5.000 Verkaufsstellen gleichzeitig zu starten! Somit haben wir in den vergangenen drei Jahren bereits über eine Million Menschen in Not erreicht und ihnen Zugang zu Leistungen der menschlichen Grundbedürfnisse ermöglicht.

Für share hast du deine damalige Karriere aufgegeben. Wie hat sich das angefühlt?

Nachdem ich unter anderem bei der Boston Consulting Group, der Clinton Stiftung und dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen tätig war, hat mich der berühmte Gründergeist gepackt: ich wollte unbedingt etwas verändern. Nach dem tollen Erfolg und der positiven Resonanz zu ShareTheMeal war es für mich klar, dass ich diesen Weg weitergehen würde. Zweifel gab es da eigentlich keine, denn dafür war und ist mir die Vision hinter share, die Kraft des Konsums gegen die großen sozialen Probleme in der Welt zu nutzen, einfach zu wichtig.

Ich hatte auch gar keine Zeit zum Zweifeln oder Schwelgen in der Vergangenheit, denn die Aufgabe, die wir uns mit share gegeben haben, ist so groß, dass sie meine ganze Aufmerksamkeit verdiente. Wir wollen das Teilen in den Alltag holen, nicht nur im Digitalen (wie mit der App ShareTheMeal), sondern viel direkter: über unseren Konsum. Wir alle gehen einkaufen, jeden Tag. Wenn wir den Gang zum Supermarkt nutzen können, um etwas Positives zu bewegen, dann ist das ein riesen Impact. Ein direkteres Modell als “den eigenen Konsum zu teilen” können wir uns kaum vorstellen.

Bürgt nachhaltiges Unternehmertum spezielle Herausforderungen?

Nachhaltigkeit an sich ist eine riesige Herausforderung, aber eben eine, der wir uns alle stellen müssen! Ich denke, dass die große Herausforderung hinsichtlich nachhaltigem und sozialem Unternehmertum darin besteht, dass es bei Geschäftsentscheidungen nicht immer ein klares “richtig und falsch” gibt und Vieles eine Frage des Abwägens ist.

Daher ist es enorm wichtig, seinen eigenen Wertekompass im Blick zu behalten und auch regelmäßig zu reflektieren. In diesem Sinne sind wir bei share auch immer glücklich über Feedback zu unserem Wirken. Zusammenfassend besteht eine Herausforderung beim nachhaltigen und sozialen Unternehmertum darin, immer ein wirklich offenes Ohr zu bewahren, um sicherzustellen, dass das eigene Schaffen einen nachhaltig positiven Impact kreiert.

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Das Prinzip hinter share: Mit dem eigenen Konsum etwas Gutes tun. (Bild: share)

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?

Einen typischen Arbeitstag gibt es bei mir eigentlich kaum, denn es ergeben sich ständig neue Herausforderungen und Gelegenheiten. Daher sind uns bei share auch Flexibilität und eine gewisse Agilität wichtig, da wir uns zum Beispiel Feedback zu Herzen nehmen wollen.

Als Team haben wir bei share allerdings einige Routinen eingeführt, um sicherzustellen, dass wir uns regelmäßig Zeit füreinander nehmen und alle an einem Strang ziehen. So haben wir beispielsweise montags zum Start in die Woche ein (derzeit virtuelles) gemeinsames Frühstück und beenden die Woche immer freitags mit einem ‚Weekly‘ mit dem gesamten Unternehmen, während dem wir jedes Mal Einblicke in die Arbeit eines anderen Teams bekommen, was unglaublich spannend ist und das Verständnis untereinander fördert.

Woher rührt deine Motivation, die Welt verbessern zu wollen?

Genau wie Viktor Frankl bin ich der Ansicht, dass wir als Menschen vor allem nach einem Sinn unseres Lebens suchen, den jede*r für sich selbst anders definieren kann. Für mich bedeutet das zweierlei: Versuchen die Welt ein Stück besser zu machen und so viel Zeit wie möglich mit Menschen zu verbringen, die ich liebe (und die mich hoffentlich zurücklieben).

Zum Thema die Welt ein Stück besser machen: Wenn man sich die Sustainable Development Goals ansieht, müssen wir feststellen, dass allein im vergangenen Jahr 71 Millionen Menschen von extremer Armut betroffen waren. Hinsichtlich der Erreichung der Ziele ist das ein Rückschritt. Für mich stellt sich daher überhaupt nicht die Frage, ob ich meine Zeit auf Erden anders nutzen möchte, als damit gegen solche Missstände vorzugehen.

Wir bei share träumen von einer Welt in der nahen Zukunft, in der jede*r Zugang zu Nahrung, Wasser, Hygieneversorgung und auch Bildung hat. Um dies zu erreichen, nutzen wir das direkteste Werkzeug, das wir kennen: unseren Konsum, indem wir bei jedem gekauften Produkt von share eine gleichwertige Leistung mit einem Menschen in Not teilen. Auf diese Art integrieren wir Teilen in unseren alltäglichen Konsum und jeder Kauf macht uns gleich doppelt glücklich, denn Freude ist ja bekanntlich Etwas, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.

Wie blickst du in die (nachhaltige) Zukunft?

Ich schaue überaus optimistisch in die (nachhaltige) Zukunft! Denn es gibt immer mehr soziale und nachhaltige Startups, die langsam den Markt übernehmen und den etablierten traditionellen Unternehmen Konkurrenz machen. Natürlich gibt es nach wie vor auch Unternehmen, bei denen Nachhaltigkeit mehr Schein als Sein ist. Allerdings bin ich überzeugt, dass langfristig nur die Unternehmen bestehen werden, die es auch wirklich ernst meinen mit ihrem Impact.

Wir erleben heute, vielleicht wie nie zuvor in ‚unserer Zeit‘, wie wichtig Zusammenhalt und soziales Miteinander sind – das fördert Kreativität und auch neue Geschäftsideen. Auch die Nachfrage nach nachhaltigen Lösungen und Produkten scheint so hoch wie nie. Glaubt man aktuellen Studien, dann hat Corona unsere Werte und unseren Konsum langfristig verändert. Laut Accenture (über 3.000 Verbraucher*innen in 15 Ländern) wollen 45 Prozent der Verbraucher*innen beim Einkaufen nachhaltigere Entscheidungen treffen und dies wahrscheinlich auch nach dem Ende der Krise tun.

Aber es gibt noch viele andere Bereiche, die weltweit im Ungleichgewicht sind. Bildung oder beispielsweise Kleidung gehören dazu. Hier wollen wir anknüpfen und mit weiteren Produktkategorien unseren sozialen Impact steigern. Neben unserem Winterprojekt über geteilte Mützen haben wir beispielsweise vor Kurzem auch Schreibwaren ins Sortiment aufgenommen, die Bildung spenden. Die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt und wir sind fest entschlossen sozialen Konsum zur Normalität werden zu lassen.

 

Vielen Dank für das Interview, Sebastian!

Dir schwebt nun auch noch eine Frage im Kopf herum, die du gerne an Sebastian Stricker stellen möchtest?

Dann schreib sie in die Kommentare. Wir freuen uns auf den Austausch mit dir!

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Mehr zu share findest du hier: share deinen Konsum und verdopple dein Glück

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