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Weiße Männer im Chefbüro und eingewanderte Frauen auf dem Feld - Klingt nach anderen Zeiten, ist jedoch Realität

Frauen in Führungspositionen und Geschlechterdiskriminierung im Job - Eine Gründerin packt aus 

Frauen in Führungspositionen und Geschlechterdiskriminierung im Job - Eine Gründerin packt aus 

Frauen haben es in der deutschen Arbeitswelt manchmal ganz schön schwer. Sei es, da zu wenig Karrierechancen vorhanden sind, das Kind oder die Familie nicht vernünftig mit dem Beruf zu vereinbaren sind, Frauen in Führungspositionen nur belächelt werden oder das Gehalt für dieselbe Position um einiges niedriger ausfällt, als dies beim männlichen Geschlecht der Fall ist. 
Stellen wir uns nun aber vor, dass dies nicht die einzige Diskriminierung ist, mit der man tagtäglich konfrontiert wird. Wie kann es sein, dass viele Frauen mit Migrationshintergrund nur für die “schlechten” Jobs in Deutschland “gut genug” sind und wie kommen wir aus dieser ewigen Diskriminierungsspirale heraus? Mareike Geiling teilt mit dir spannende und schockierende Geschichten, die dich sicherlich zum Nachdenken anregen werden.

 

Hallo Mareike, kannst du unseren User*innen kurz erzählen, wer du bist und was du machst? 

Ich bin Mareike, Campaignerin und Mitgründerin verschiedener NGOs und bin in der Öffentlichkeitsarbeit von „Zusammenleben Willkommen“ tätig.

Im Jahr 2014 hast du die NGO „Zusammenleben Willkommen“ gegründet. Was waren deine Beweggründe „Zusammenleben Willkommen“ zu gründen? 

Schon 2014 gab es vermehrt Berichte über die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen geflüchtete Menschen in deutschen Lagern untergebracht sind. Das hat mich und noch zwei andere dazu gebracht, eine Online-Plattform zu gestalten, auf der freie WG-Zimmer angeboten werden können. Damit haben wir dann eine Kontaktmöglichkeit für geflüchtete Menschen, die aus Lagern ausziehen wollen, und Menschen, die ihr freies Zimmer zur Verfügung stellen wollen, geschaffen. Zu Beginn haben wir gar nicht damit gerechnet, dass daraus mal eine NGO erwachsen würde. Die Nachfrage und Berichterstattung der Medien haben uns aber schnell bekannt gemacht.

Du sagst, du bist aus deiner Leitungsposition zurückgetreten. Aus welchen Gründen? 

2016 habe ich mein erstes Anti-Rassismus-Training gemacht und dabei vieles verstanden und gelernt: 
Dass die breitflächige Medienberichterstattung uns auch deswegen so gern porträtiert hat, weil wir drei Mitgründer*innen alle weiß waren und es ähnliche Initiativen schon immer von Schwarzen Menschen und Menschen of Colour gab.
Dass wir uns das Thema ohne große vorherige Berührungspunkte mit geflüchteten Menschen zu eigen gemacht haben und kaum etwas über die Lebensrealitäten wissen. 
Und dass eine Initiative, die sich an geflüchtete Menschen richtet, gerade in der Projektleitung, wo alle Entscheidungsmacht und die finanziellen Ressourcen liegen, nicht von weißen Menschen besetzt sein sollte. 
Ab dem Zeitpunkt war mir klar, dass ich meinen Posten langfristig abgeben muss und Platz machen sollte für Schwarze Menschen oder Menschen of Colour und/oder mit Fluchtgeschichte. Zumindest, wenn ich Konzepte wie Diversity und Anti-Rassismus ernst meine. 

Bei meiner Recherche ist mir aufgefallen, dass einige weibliche CEOs von nachhaltigen Unternehmen zurücktreten und Männer ihren Platz einnehmen. Genauso begegnet es mir häufig, dass Frauen ihre Führungsposition mit Männern teilen. Ist dies meine subjektive Wahrnehmung und würdest du dies als Rückschritt bezeichnen? 

Ich habe das so noch nicht wahrgenommen, aber das muss nichts heißen. Es wundert mich jedenfalls nicht, wenn in egal welchen Führungspositionen Männer nachrücken oder diese nicht abgeben. Insgesamt gibt es aus meiner Sicht eine langsame, kaum merkliche Entwicklung in Richtung einer diversen Repräsentation in den Leitungspositionen. Aber es wird Frauen und Menschen, die aufgrund von Religion, Hautfarbe, sexueller Identität oder Orientierung und anderen Merkmalen, wegen denen Diskriminierung stattfindet, immer noch unglaublich schwer gemacht, in Führungspositionen zu gelangen. Und wenn einmal weiße Männer in Führungspositionen sind, gehen sie selten wieder weg beziehungsweise werden die Stellen von Menschen nachbesetzt, die so sind wie sie. Das zeigen Untersuchungen, nach denen es mehr Männer mit dem Namen Thomas in Vorständen gibt als Frauen.

Hast du dich damals als weibliche Gründerin genügend respektiert gefühlt? 

In der NGO-Szene ist das gar nicht so ungewöhnlich, dass es Frauen in Führungspositionen gibt, aber es ist auch klar warum: Das ist ein Arbeitsumfeld, bei dem es nicht viel Geld gibt, sich die Mitarbeitenden oftmals ausbeuten und es meist keine langfristige Perspektive gibt. Im NGO-Sektor macht man eben selten Karriere. In anderen Kontexten habe ich mich dann doch oft eher belächelt und nicht ernst genommen gefühlt. 

Oftmals habe ich das Gefühl, dass es der Gesellschaft viel bringen würde, wenn Frauen in Führungspositionen als normal angesehen werden. Hattest du das Gefühl, dass du ein Zeichen gesetzt hast, indem du eine Frau in einer Führungsposition warst?  

Ich schätze meinen Einfluss eher begrenzt ein, aber ich nehme alle Möglichkeiten wahr, bei denen ich öffentlich auftreten und unsere Arbeit vorstellen kann. Gerade als ich Mutter geworden bin, wurde das natürlich allein logistisch immer schwieriger, aber mir war es wichtig, keine Gelegenheit auszulassen. Dabei habe ich selbst gemerkt, wie anstrengend es ist und mit wieviel Mühe und Kraft es verbunden ist, alle Gelegenheiten einzufordern und nicht in der gesellschaftlich erwarteten Position, nämlich der als Mutter langsam zurückzutreten, zu verschwinden. Besonders deutlich wurde das für mich, als ich als eine von "200 Leaders of Tomorrow” zu einem Symposium eingeladen wurde – um dann wieder ausgeladen zu werden, als ich mein Kind mitbringen wollte, welches ich stille. 

Du hast anscheinend viel Erfahrung mit der Arbeit mit Flüchtlingen. Ist dir bei „Zusammenleben Willkommen“ aufgefallen, dass eingewanderte Frauen noch weniger Arbeitschancen als eingewanderte Männer besitzen? 

Frauen und nicht-binäre Personen haben insgesamt weniger Chancen, Karriere zu machen und ein gutes Einkommen zu erwirtschaften. Wenn weitere Diskriminierungsmerkmale dazukommen, wird das noch viel schwieriger: Das kann ein Kopftuch sein, eine Behinderung, ein nicht-deutsch klingender Name,… Für viele Frauen, gerade Schwarze Frauen, bedeutet das prekäre, unsichere Arbeitsverhältnisse. Das zeigen verschiedene Studien.

Würdest du sagen, dass die Kombination von „Nicht-Deutsch“ und „Nicht-Mann“ eine tödliche Kombination für den Arbeitsmarkt ist? 

Es macht es zumindest viel schwieriger, in Berufen, die gut bezahlt sind und gute Arbeitsbedingungen haben, Jobs zu finden. Als Reinigungskräfte sind nicht-weiße Menschen oder Menschen mit Migrationsgeschichte offenbar gut vorstellbar, genauso wenn es um Pflegekräfte geht. Und das ist das schockierende: Für Jobs mit prekären Arbeitsbedingungen oder schlechter Bezahlung – zum Beispiel in der Pflege, aber auch in der Landwirtschaft – werden mittlerweile Menschen aus anderen Kontinenten eingeflogen. Das ist offensichtlich lohnender, als diese Berufe anständig zu entlohnen.

Angesichts des Frauen-Gleichstellungstags, der heute ist, was muss sich in Deutschland noch ändern, damit wir mit gutem Gewissen sagen können: Gleichstellung in der Arbeitswelt ist hier eine Normalität!

Insgesamt ist es mir wichtig, Gleichstellung nicht nur im Hinblick auf Geschlechter zu sehen. Führungspositionen müssen in vielerlei Hinsicht diverser werden. In Bezug auf Frauen erlebe ich als die größte Hürde für Gleichstellung die Familiengründung. Ab dem Zeitpunkt, wenn Frauen schwanger werden oder in dem Alter sind, bei dem eine Schwangerschaft angenommen wird, werden sie weniger berücksichtigt oder sogar bewusst schlechter bewertet. Um das zu verhindern müssen viele Dinge geschehen: Männer müssen mehr Elternzeit nehmen, am besten sie mit ihren Partner*innen gleich aufteilen. Gerade für Menschen mit geringem Einkommen, darf das Elterngeld quasi keine Einbuße zum normalen Gehalt bedeuten. Care-Arbeit muss als genauso wertvoll angesehen werden wie Lohnarbeit. Männer in Führungspositionen müssen lernen, Macht zu teilen oder am besten abzugeben. Unsere aller Arbeitszeit muss drastisch reduziert werden, denn um realistischerweise Sorgearbeit zu schaffen, können wir alle nicht mehr als Teilzeit arbeiten. 


Es ist immer schwierig von so vielen aufwühlenden Erfahrungen zu erfahren. Deswegen möchten wir uns nochmal ganz herzlich für Mareikes Offenheit bedanken. Wie solltenwir aber nun zukünftig mit dem Thema der Gleichstellung von Frauen und Männern im Beruf umgehen? Ein Glück hat Mareike uns viele Anregungen mit auf den Weg gegeben, wie wir in unserem alltäglichen Leben für mehr Gleichstellung kämpfen können. Hierbei ist nicht nur die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern gemeint - Ganz und gar nicht. Dies ist nur ein kleiner Teil von vielen Baustellen innerhalb unseres Systems. Deutschland sollte ein Land sein, in dem allen (und damit meinen wir auch wirklich alle!) Menschen dieselben Chancen auf dem Arbeitsmarkt gewährleistet werden. Angesichts dieses Ziels, gibt es noch viel Änderungspotential. Wir hoffen, dass wir dich mit diesem Beitrag motivieren können, für eine gerechte Welt einzustehen. Fang doch einfach damit an, Ungerechtigkeiten oder Diskriminierung im Arbeitsleben höflich, ruhig und begründet anzusprechen. Du wirst die Änderungen zu spüren bekommen. 

 

 

Nun hast du Mareikes persönliche Story und Erfahrung miterleben können. Wenn du lesen möchtest, was eine etablierte Organisation, die sich für Gleichstellung und Gleichberechtigung für Frauen einsetzt, zu dem Thema zu sagen hat, dann schau dir auch diesen Beitrag an: Ein Rückschritt in der Gleichstellung von Frauen und Männern?!


Folg uns gerne auf Instagram, wo wir dieses wichtige Thema ebenfalls diskutieren: JOBVERDE

Bilder: Unsplash



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