Die digitale Transformation richtig meistern
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Die digitale Transformation richtig meistern

GASTBEITRAG | Interview mit der Innovationsforscherin Univ.-Prof. Marion A. Weissenberger-Eibl.

GASTBEITRAG | Interview mit der Innovationsforscherin Univ.-Prof. Marion A. Weissenberger-Eibl.

Mehr zu den Themen:   gastautorin dr. alexandra hildebrandt
06.02.2018 - Gastbeitrag: Dr. Alexandra Hildebrandt, Foto © Henrik Andree

Um eine erfolgreiche digitale Transformation garantieren zu können, müssen Maschinen vernetzt und digitale Plattformen aufgebaut werden. Das ist jedoch nur mit einer stabilen digitalen Infrastruktur auf höchstem Niveau möglich. Das Thema stand im Mittelpunkt der achten Veranstaltung aus der Reihe „Tagesspiegel Data Debates“ am 2. Februar 2018. In dieser Veranstaltungsreihe vom Tagesspiegel werden in monatlichen Debatten im Telefónica BASECAMP die Digitalisierung und ihre Bedeutung für unser Leben und das gesellschaftliche Miteinander thematisiert. Das Thema im Telefónica BASECAMP war „Industrie 4.0: Wie meistert die deutsche Wirtschaft die digitale Transformation?“ Es diskutierten Dr. Nicolaus Gollwitzer, Chief Executive Officer von Telefónica NEXT, Stefan Stroh, Chief Digital Officer (CDO) der Deutschen Bahn AG, und Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Institutsleiterin des Fraunhofer ISI und Inhaberin des Lehrstuhls für Innovations- und Technologie-Management am Karlsruher Institut für Technologie. Die Debatte konzentrierte sich vor allem darauf, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um Industrie 4.0 in Deutschland erfolgreich voranzubringen, und wer für den Breitbandausbau verantwortlich ist.

Frau Prof. Weissenberger-Eibl, was ist für Unternehmen das größte Hemmnis bei der digitalen Transformation?

Sicherlich sind das aktuell ganz schlicht die vollen Auftragsbücher: Die alten Systeme und Prozesse funktionieren hervorragend, und es besteht kein Bedarf, sich zu bewegen. Dabei besteht natürlich die Gefahr, wichtige Trends zu verschlafen. Hier passiert aber einiges: Wenn man sich die Nutzung digitaler Technologien, insbesondere in der Industrie anschaut, sieht man, dass die Firmen langsam, aber sukzessive durchaus digitale Konzepte in ihre verschiedenen Unternehmensprozesse integrieren. Die Aufnahme der Technologien richtet sich aber vor allem danach, wo die Einführung Sinn ergibt.

Weshalb muss die Einführung von digitalen Technologien gut abgewogen sein?

Digitalisierung ist einfach nicht als Allheilmittel zu sehen. Selbst wenn attraktive Lösungen auf der Basis von Digitalisierung prinzipiell denkbar sind, sind die konkreten Anwendungsfälle doch immer wieder unklar – aber nur die sind für die Firmen wirklich interessant. Aus Sicht der Firmen wiederum ist nicht unbedingt bekannt, was überhaupt möglich ist.

Und dann stellt sich natürlich auch noch die Frage, was man davon hat. Es ist schon entscheidend, den Lösungsbeitrag der Digitalisierung fundiert abzuschätzen. Digitalisierung fruchtet insbesondere, wenn sie mit Innovationsvernetzung verbunden wird. Die Nutzen- und Chancenpotenziale über einzelne Innovationen in spezifischen Fachdisziplinen hinaus zu identifizieren, sie zu verknüpfen, sie gemeinsam zu durchdenken und sie auf die Konsequenzen hin abzuklopfen, darin liegt der essentielle Nutzen der Digitalisierung. (vgl. Weissenberger-Eibl, M.: Blick ins Neue, 2018, Kindle Edition). Denn immerhin ist die Umsetzung mit Aufwand verbunden, in Form von Investitionen in Systeme und Kompetenzen. Und was vielleicht noch schlimmer ist – es geht damit ein Risiko einher, weil zum Beispiel zeitweilige Qualitätseinbußen möglich sind. Dann ist gerade bei komplexen Wertschöpfungsschritten die Umsetzung gegebenenfalls so aufwendig, dass durch Digitalisierung kein Effizienzgewinn möglich ist. Und in der Zulieferindustrie kommt schließlich erschwerend hinzu, dass bei wichtigen Bauteilen eine Qualifizierung der Herstellungsprozesse erforderlich ist. Wenn der Prozess geändert wird, muss gegebenenfalls die gesamte Linie neue zertifiziert werden, was einen erheblichen Aufwand mit sich bringt. Eine zögerliche Haltung kann durchaus sehr rational begründet sein.

Häufig ist die Zuständigkeit innerhalb der Organisation für digitale Transformation nicht eindeutig klar. Was sind die Gründe dafür? Und wie kann das Problem gelöst werden?

Bei kleinen und mittelständischen Firmen sind vor allen Dingen die Geschäftsführer Treiber von digitalen Konzepten. Zu einem kleineren Teil spielt Marketing und Vertrieb eine Rolle oder Produktionsleiter, die entsprechende Lösungen in der Fertigung umsetzen. Aber keiner dieser Tätigkeitsgruppen bringt vom Grundsatz her eine ausgeprägte IT-Affinität mit. Diejenigen wiederum, die klassischerweise in dem Gebiet stark sind, wie die EDV- oder IT-Abteilungen, spielen hingegen als Treiber der digitalen Transformation innerhalb der Kernprozesse eine untergeordnete Rolle. Aus diesem Grund ist hervorzuheben, dass Startups auch im Business-to-Business-Bereich eine entscheidende Rolle spielen, um ergänzende und komplementäre Kompetenzen im digitalen Bereich marktfähig zu machen und dann zusammen mit Firmen und in den Firmen zu implementieren.

Ein Hemmnis, das immer wieder erwähnt wird, ist vor allem bei kleinen und mittelständischen Firmen das fehlende Know-how im IT-Bereich …

Hier besteht das Problem der Anschlussfähigkeit. Die neuen Potenziale durch digitale Konzepte müssen mindestens so weit verstanden und beherrscht werden, dass sie in der konkreten Anwendung umgesetzt werden können. Zunächst ist dafür nötig, die eigenen Mitarbeiter über Fort- und Weiterbildung soweit zu schulen, dass sie IT-Angebote in den eigenen Unternehmensprozessen integrieren können. Hier ergeben sich allerdings grundlegende Schwierigkeiten.

Welche sind das konkret?

Erst einmal müssen entsprechende Mitarbeiter, die eine hohe Affinität zu IT-Prozessen haben, überhaupt gefunden werden, dann ist der Aufwand für eine entsprechende Kompetenzerweiterung gegebenenfalls erheblich. Und es muss auch noch Schulungen geben, die spezifisch zum Bedarf der Firma passen. Weiterhin ist auch möglich, dass Firmen ganz spezifisch IT Spezialisten einstellen. Hier ergibt sich wiederum die Gefahr, dass entsprechende Kompetenzträger innerhalb der Firma nicht automatisch anschlussfähig sind. Außerdem sind entsprechende Kompetenzen gefragt und deswegen gegebenenfalls teuer.

Was aber in Zukunft noch attraktiver werden könnte, ist in Kooperationen Fragestellungen der Digitalisierung anzugehen. So wäre es beispielsweise denkbar Big Data-Analysen und KI-Lösungen mit externen Partnern durchzuführen nach dem Prinzip: "Die einen liefern die Daten und die anderen machen was draus".
Aber es ist natürlich auch schlicht möglich, Digitalisierungslösungen einzukaufen. Dieser Prozess ist beispielsweise bei Maschinen und Anlagen sicherlich ein typisches Vorgehen. Die modernen Systeme integrieren bereits umfassende digitale Konzepte.

Welche Rolle spielen bei der digitalen Transformation emotionale Faktoren wie "Unsicherheit" und "Skepsis"?

Da ist zum einen die Akzeptanz bei Mitarbeitern zu nennen. Sicherlich besteht immer wieder die Befürchtung des Jobverlusts. Aber es ist auch eine grundlegende Skepsis ist zu erwarten - im Sinne von: "Never change a running system“. Hier geht es vor allen Dingen um Unsicherheiten beispielsweise wegen Störanfälligkeit. Was passiert, wenn wegen neuer Technologien eine Anlage ausfällt und dann wohlmöglich auch noch die Inkompetenz eines Mitarbeiters hinsichtlich Digitalisierung die Ursache war? Immerhin ist zu bedenken, dass ein Maschinenstillstand erwartete Effizienzgewinne deutlich schmälern kann.

Auch die Unsicherheit aufgrund von Sicherheitsfragen spielt eine große Rolle …

Ja, gerade kleine und mittelständische Firmen sind oft überfordert, wenn es um die Umsetzung von Sicherheitskonzept geht. Immerhin liegt die Expertise der Unternehmen in ihren jeweiligen Wertschöpfungsnischen und nicht in der Datensicherung. Ganz faktisch besteht eine sehr ungleiche Kompetenzverteilung: Auf der einen Seite hat man es mit digital versierten Hackern zu tun, und auf der anderen Seite sitzt – im besten Falle – durchschnittlich versiertes IT-Personal innerhalb der kleinen Firmen.

Literatur:

Weissenberger-Eibl, M. (2018): Blick ins Neue, Im Gespräch mit Univ. Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl zu Perspektiven der Innovationsvernetzung, Karlsruhe 2018, Kindle Edition.



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